
Der Mensch ist ein „zerbrechlich Wesen“
Gewohnt tiefsinnig und erhellend war die Gedankenführung der renommierten Philosophin und Politikwissenschafterin DDr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz am 29. März 2025 bei der Matinée zum Heiligen Jahr „Pilger der Hoffnung“ im Haus der Begegnung.
Univ.-Prof. em. Dr. phil. Dr. theol. hc. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz,
Philosophin, Sprach- und Politikwissenschaftlerin, Leiterin von EUPHRat
(Europäisches Institut für Philosophie und Religion) in Heiligenkreuz bei Wien:
"Der Mensch ist ein „zerbrechlich Wesen“. Uneinheitlich, ausgespannt zwischen Biologie (seinem Leib, dem Geschlecht, den Anlagen) und Individualität (der Einzigkeit unserer Existenz), die sich unverwechselbar im Gefühl, im seelischen Leben, im Geist ausdrückt. Die Griechen kennen den Kentaur: das Fabelwesen aus Pferdeleib und Menschenkopf, symbolisch gedeutet: Es gibt einen „Streit des Tierischen und des Göttlichen in uns“. Niemand ist Herr seines Lebens: weder des Anfangs noch des Endes, weder der Herkunft noch der Zukunft; wir sind nicht einmal Herr im eigenen Leibe.
Daher die ewige Suche nach sich selbst. Es gibt zwei Missverständnisse von Ich-Sein: „Verzweifelt man selbst sein wollen“ und „Verzweifelt nicht man selbst sein wollen“. Identischwerden ist eine lebenslange Aufgabe. Identität wächst zunächst von außen nach innen, vom Wir zum Ich: durch die Familie, in die ich hineingeboren bin; später durch Freunde, die Schule, die Umwelt, die Beziehungen… Die anderen sagen mir, wer ich bin. Vor der Ich-Identität steht die Wir-Identität.
Dann aber: Identität wächst auch von innen nach innen: Es gibt den lebenslangen Weg „von mir zu mir“. Er ist verknüpft mit der dritten Lebensspannung, der entscheidendsten: Identität wächst von innen nach oben.
Was ist Oben? Alles, was uns lösend aus uns herauszieht: Die Mitte liegt nicht in uns. Wir sind nicht als Egoisten geschaffen, sondern in der Hochform: als Liebende. Die Mitte liegt in einem Du und kehrt von dort zum Ich zurück.
Ganzwerden wird nicht einfach gemacht, gewollt, „hergestellt“, sondern ist Antwort auf ein Herauslocken. Wir kommen aus göttlichem Anruf. Von diesem Gewolltsein gegen alle menschlichen Zweifel weiß und spricht die Schrift. Und sie bietet nicht nur ein leerdrehendes Rad des Zufalls an. Sie spricht nicht über Chemie, Physik und Biologie, aus der ich auch bestehe. Viel tiefer schafft mich ein Wille, nicht einfach eine gestaltlose Urmacht oder eine dumpfe, unbewusste Allnatur. Ein ungeheurer Wille schafft mich rufend, wie ich bin, freudig, dass ich bin. Dieser Wille ist Glück. Ganzwerden heißt sich aufmachen zu dem, der mich herausfordert, sogar herauszieht - aus mir selbst. Zu meinem Schöpfer. Du gibst mich mir.
„Wohin gehen wir?“, fragte Novalis, und er antwortete: „Immer nach Hause.“ Tatsächlich: Leben ist eine Bewegung. Augustinus nennt das Ziel: videntem videre – den ansehen, der mich immer schon ansieht. Freude haben an sich selbst, weil Er mich schön findet. Dann muss ich nicht an mir herumschnitzen bis zur Selbstzerstörung. Entdecken wir uns als Gabe eines großen Gebers."
(eigenhändige Zusammenfassung der Referentin des Vortrages und Abdruck mit ihrer geschätzten Genehmigung)
- Vizepräsidentin und Mitbegründerin der Edith Stein Gesellschaft Deutschland
- Vizepräsidentin der Gertrud von le Fort Gesellschaft
- Wissenschaftliche Leitung der Edith Stein Gesamtausgabe in 27 Bde.
- Mitherausgeberin der Gesamtausgabe Romano Guardini in 29 Bde.
- Div. Publikationen und Monografien
Forschungsschwerpunkte:
Religionsphilosophie der Moderne (Hegel, Nietzsche, Edith Stein, Simone Weil und Romano Guardini;) zeitgenössische Phänomenologie; Anthropologie der Geschlechter